Nicht mit Dir – Poetry Slam

Heute ist Samstag. Unser Tag.
Denn du bist bei mir und ich bin bei dir.
Wir sitzen im Cafe.
Ich beobachte Menschen.
Ich bin satt, doch beim Anblick des abgemagerten Obdachlosen in zerfetzten Klamotten
am Bürgersteig,
bekomme ich Schuldgefühle.
Eine Hand voll Jugendliche schlendern vorbei.
Der Obdachlose beginnt ein Lied zu singen.
Versucht so wahrscheinlich ein wenig Kleingeld zu gewinnen.
Doch die Jugendliche beginnen zu lachen.
und bewerfen ihn mit bestmöglichen Sachen.
Die Szenerie schockiert mich.

Mein Blick streift zu dir,
doch es interessiert dich nicht.
Jedenfalls schaust du weg.
So wie jeder.
So wie schließlich auch ich.

Nun ist mein Blick auf eine Frau im Minirock gerichtet.
Ein Mann hat sie gesichtet.
Nesselt an seiner Hose.
Kommt ihr näher.
Zeigt auf sein Auto.
Zieht sie zu ihm ran.
Sie will nicht.
Sie wehrt sich.
Er schlägt sie.
Sie folgt ihm.
Sie ist kurz davor einzusteigen.
und er ihr eine zu Ohrfeigen.
Er hat sie gefügig gemacht.
und dabei sogar noch gelacht.

Ich will ihr helfen.
Schaue verzweifelt zu dir,
doch du interessierst dich nicht.
Jedenfalls schaust du weg.
So wie jeder.
So wie schließlich auch ich.

Stattdessen wandert mein Blick zu einer Mutter.
Sie hält die Hände ihrer Tochter.
Plötzlich fängt diese an zu quengeln und die Mutter zu bemängeln.
Die Mutter verzieht das Gesicht.
„Halt die Fresse, du kleiner Wicht!“
Das Kind fängt an zu weinen.
Jetzt bekommt die Mutter Mitleid,
könnte man meinen,
doch diese schlägt zu.
Und die Kleine gibt Ruh.
Ich werde sauer.

Ich schaue empört zu dir.
Doch es interessiert dich nicht.
Jedenfalls schaust du weg.
So wie jeder.
So wie schließlich auch ich.

Ich achte jetzt auf einer älteren Dame.
Sie ist so, wie es aussieht auf dem Weg zum Wochenendmarkte.
Trägt nur eine kleine Tasche bei sich.
Lächelt einigen Menschen gutmütig zu.
Bis sie von einem Mann angerempelt wird.
Und ihre Tasche weg ist.
Sie fängt an zu rufen,
sie wolle das Geld in der Tasche ausgeben für ihre Enkel.
Ihnen ein gesunden Mittagessen kochen,
doch der Mann, der rennt weiter.
Und ich mache wieder nichts Anderes,
als zu dir zu gucken
und zu merken, dass es dich einfach nicht interessiert.
Und dann, dann gucke ich weg.
Gucke weg, statt hinzu schauen
Dabei könnten wir was was dagegen machen.
Wir könnten das schaffen.
Ich erzähle dir davon,
doch du lachst und sagst:
„Du solltest dich nicht überall einmischen. Du bist nicht Mutter Theresa.“

Ich schlucke
und nehme eine Frau war.
Sie hält ein Schild hoch.
Mit ausländerfeindlichen Parolen.
Spuckt Frauen mit Kopftüchern an.
Schubst einen dunkelhäutigen Mann.
Nennt Männer mit Bart Salafisten
oder dreckige Islamisten.

Und dann schaue ich wieder zu dir.
Doch du interessierst dich nicht.
Jedenfalls schaust du weg.
So wie jeder.
Doch diesmal nicht ich
Denn ich stehe auf,
gucke dir tief in die Augen
und sage: „Manchmal, da muss man sich eben einmischen.“
Und dann gehe ich,
Gehe, um zu helfen.
Jedoch nicht mit dir.

-eure wortiamelod

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3 Gedanken zu “Nicht mit Dir – Poetry Slam

  1. Du hast vollkommen Recht! Viel zu klein wird das Wort „Hilfe“ geschrieben und zu groß das „Drüberwegschauen“ Daran sollte und muss sich etwas in allen Köpfen ändern, auch in meinem. Das ist mir beim lesen deines Textes in den Sinn gekommen.
    Gut geschrieben und Danke fürs „nochmal Wachrütteln“!
    LG Heike

    Gefällt 1 Person

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